Mittwoch, 4. Juli 2007

Dickes Kind - laut gewinnt

Habe mich gestern mit einer schwangeren Freundin im teelirium zum – na? richtig: -Tee getroffen.
Wir saßen dieses Mal in dem Raum, wo immer ausschließlich Mütter mit Kindern sitzen. Sonst sitzen wir draußen auf der „Terrasse“ - so nennt man in Frankfurt Stühle, die auf Gehwegen aufgestellt werden und einen durch einen Sicht- aber keineswegs Geruchs- oder Lärmschutz von der 10cm entfernten Straße trennen.
Draußen sitzen war aber nicht bei diesem herrlichen Juli-Regenwetter. Und lockere Kleidung, die einer Sommerschwangerschaft entspräche, auch nicht. Meine Freundin mußte beim Hinsetzen erstmal den Knopf ihrer Jeans öffnen. Sie hat nur Sommerhosen für Schwangere und dass sie im Juli noch Jeans tragen muß, kam überraschend. Für uns alle.
Ein Duftgemisch von Kinderkacke und Mandeltee waberte durch den Raum und hin und wieder flogen Spielzeug oder Aventfläschchen zu Boden, die von Müttern, die ihre Kinder footballmäßig unter dem Arm klemmen hatten, mühsam wieder aufgesammelt wurden. Der Geräuschpegel war eindeutig höher, als wir das von der „Terrasse“ (und das will was heißen bei 10cm bis zur Straße) gewohnt waren.
Es kamen neue Gäste, die am Nebentisch Platz nahmen. Eine Mutter, zwei Omis, ein Opi und eine Tante – ob eine selbsterklärte oder eine echte weiß ich nicht, tut auch nix zur Sache – und natürlich einem Kind. Und was für einem Kind!! Ein kleiner Marlon Brando. Aber nicht etwa der junge Marlon Brando, der hübsche Halbstarke, sondern der Pate Brando, behäbig, mit dicken Backen und einem kaltblütigen Ausdruck in den Augen.


Und kaltblütig gellte dieses Kind ein gedehntes, grelles 160-Dezibel „Ahhhhhhhhhh!“, wenn es den Mund leer hatte. Offensichtlich ein unhaltbarer Zustand für das Kind. Und damit auch für die Verwandtschaft. Ist nicht voll des Kindes Mund, wird’s für die Ohren ungesund.

Schnell wurde dem Kind Eis eingelöffelt. 20 Sekunden Stille gewonnen – und:
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Weiter mit dem Eis, nochmal 20 Sekunden.
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Die Waffel hinterher, das zählte doppelt.
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Die Omis bestellten sich (sich?) Kuchen und stopften dann abwechselnd das Kind.
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Kuchen.
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Kuchen.
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Kuchen.
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Noch ein Gäbelchen!
(Ich hatte Fantasien, was dieses Gäbelchen so alles anrichten könnte….das Kind zum Platz bringen etwa.)
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Fast schrie ich mit.
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Opi tätschelte dem Kind die dicken Backen, half natürlich nix.
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Tantchen versuchte es mit dem Einflößen eines Getränks, ganze 3 Sekunden.
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Der Blick der Mutter wurde leer.
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Die Omis drückten mit der Gabel die Krümmel auf Ihren Tellern auf und gewannen mit diesen nochmal 10 Sekunden.

Meine Freundin, deren Termin zur Niederkunft nicht mehr weit ist, wurde etwas blaß um die Nase. Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben, Angst, ein dickes Kind zu bekommen, Angst, nachzugeben und das eigene Kind zu mästen, um das eigene Gehör und die eigenen Nerven zu schützen, Angst, dass solche Szenen bald zu ihrem Alltag gehören würden.
War wahrscheinlich auch nicht nett von mir, dass ich ihr noch sagte, ich würde mich dennoch nur mit ihr allein zum Tee treffen, wenn das Kind erstmal da ist. Wir verschwanden hurtig vor der nächsten Freßmaschinenlärmgehörattacke.

Kommentare:

peer hat gesagt…

habe r. gestern ja schon telefonisch von den hawaiianischen verhältnissen vorgeschwärmt, die euch am ersten septemberwochenende in BAD erwarten werden.
wir werden den jungs, inclusive dem frischen, bis dahin beigebracht haben, ihren hunger nicht mit "aahhhhhhhhhhhhhhhhhh!"'s zum ausdruck zu bringen. und wenn, dann auf jeden fall nicht mit 160 dezibel-starken...
(unbekannterweise) peer

penjelly hat gesagt…

Ach was, 160-Dezibel-Brando-Kinder gibt es Erhebungen zufolge nur ganz wenige in Deutschland, keine Sorge ;)
Ich freu mich schon!