Samstag, 1. November 2008

Ein Prosit


Das Bedürfnis im Restaurant nicht mit dem Rücken zum offenen Raum sondern lieber zur Wand zu sitzen, wird gerne etwa folgendermaßen interpretiert:


- Als Angstneurose, aufgrund derer man befürchtet hinterrücks was auch immer zu werden und deshalb alles im Blick haben muss
- Als Auswuchs des natürlichen Beuteverhaltens, bei dem man anwesende Hungrige im Auge behalten muss, während man sein Essen verschlingt
- Als weibliche Neugier aufgrund derer man Augenzeuge von jeglichem Geschehen im Raum sein muss

Ich teile das Bedürfnis im Restaurant lieber mit dem Rücken zur Wand zu sitzen mit einer Menge Menschen. Die Beweggründe mögen verscheiden sein und bei vielen mag eine der oben genannten Interpretationen zutreffen. Ich teile mit diesen Menschen wahrscheinlich auch den regelmäßigen Spott, den dieses Bedürfnis hervorruft.

Heute möchte ich meinen persönlichen Beweggrund erläutern und wissenschaftlich fundieren. Jaahaaa. Das heißt nicht, dass ihn anschließend jeder wird nachvollziehen können, denn zu dem Beweggrund gibt es unterschiedliche Auffassungen. Er lautet schlicht: Gemütlichkeit.

Auch der Gemütlichkeit wurde sich nun endlich ernsthaft angenommen. Und zwar von Dr. Riklef Rambow. Wen das Thema interessiert, der kann bei ihm sogar ein gemütliches Seminar besuchen.

Früher, um 1790, als das Wort von keinem anderen als Goethe in die Schriftsprache eingeführt wurde, war Gemütlichkeit schlicht ein Wohlfühlbegriff. Heute ist er ein genau kalkuliertes Kriterium bei Architektur und Einrichtung und eine Frage des Geschmacks. Während ehemals Gemütlichkeit generell als kleinbürgerlich galt und durch Biedermeierwohnungen verkörpert wurde, kann man inzwischen genau solche als ungemütlich und eine IKEA-Schlichtheit als gemütlich bezeichnen. Geschmackssache. Der Begriff ist weiter geworden und impliziert vor allem eines: Vertrautheit. Den eigenen, geschützten Raum ohne Fremdartigkeit.

Im Grunde genommen ist ausschlaggebend, wie viel es braucht, um sich vertraut zu fühlen. Dem einen kann die eigene Wohnung durch akustische Einflussnahem des Nachbarn verdorben werden und der andere kann im Erdgeschoss ohne Gardinen auf dem Präsentierteller leben und scheut diese Vertrautheit mit den Menschen auf der Straße vor seinem Fenster nicht. Vertrautheit ist eben auch Gewöhnung.
Moment mal, das heißt, ich muss nur vertrauter mit meinem Nachbarn werden um zur vollkommenen Gemütlichkeit zurück zu finden.....hm.

Mein Beweggrund im Restaurant gerne zum offenen Raum hin zu sitzen, oder noch besser: in einem gemütlichen Eck, setzt sich aus allen oben genannten Gründen zusammen, aus Schutz- und Kontrollbedürfnissen, lässt sich aber auch kurz als „Verlangen nach Gemütlichkeit“ beschreiben.

Glücklicherweise ist Gemütlichkeit ja für jeden etwas anderes, so dass ich hoffe, auch in Zukunft mit Leuten ins Restaurant gehen zu können, die es nicht ungemütlich finden, den Rücken dem Raum zuzuwenden und die mir gern den Platz an der Wand überlassen. Ich bin dafür immer dankbar. Und ich sehe dann auch, wenn’s denn sein muss, über einen dummen Spruch hinweg. Hauptsache wir haben es alle schön gemütlich.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Du kriegst den Platz mit dem Rücken zur Wand im Restaurant, wenn ich das Bett abseits vom Fenster im B&B bekomme.

Anonym hat gesagt…

Hallo.
Ich mochte mit Ihrer Website penjelly.blogspot.com Links tauschen