Sonntag, 22. November 2009

Schmauchspuren

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Ich war in Yosemite und bin nicht gewandert, dabei ist dieser Nationalpark ein reines Wanderparadies. Ich war am Grand Canyon, aber ich nicht im Grand Canyon, denn ich habe den Abstieg nicht gemacht.
Es ist eine Schande, aber es lag nicht etwa daran, dass ich zu faul gewesen wäre, sondern daran, dass ich nicht richtig laufen konnte. Schuld waren die Schmauchspuren.

In der "Gebrauchsanweisung für Kalifornien" habe ich gelesen, dass die Briefkästen auf Höhe des Autofensters angebracht sind, damit man nicht aussteigen muss. Ich war also vorbereitet. Wahrscheinlich kennt auch nahezu jeder diese Witzmails mit absurden Bildern, von denen eines ein Fitneßstudio in Kalifornien zeigt, zu dessen Eingang eine Rolltreppe führt. Bloß, dass dieses Bild kein Witz ist. Sogar im Dodgers-Stadium in L.A., wo ich in der einen Minute noch darüber witzelte, dass man dort verwunderlicherweise noch keine Rolltreppe installiert habe, entdeckte ich in der nächsten Minute doch noch eine.

In den Nationalparks führt zu sämtlichen malerischen Ausblicken eine Straße, so dass man alles gemütlich mit dem Auto abfahren kann, ohne über Wanderschuhe auch nur nachdenken zu müssen. (Ich mußte fast auf dem Rückflug Angst haben, dass der Zoll behaupten könnte, meine Wanderschuhe seien noch ganz neu, bestimmt in den USA gekauft und müßten versteuert werden.)
Die ganzen wundervollen Naturschönheiten habe ich also dennoch genießen können, eben wie sie jede gebrechliche Oma und jeder gehbehinderter Mensch in Kalifornien genießen kann: indem ich überall bis ganz nah ran gefahren wurde. Nun ist das trotzdem nicht unbedingt erstrebens wert, denn es bleibt doch etwas anderes, wenn einen die eigenen Füße seinen Weg machen lassen. Dennoch kam es mir zugute, dass man auch am Grand Canyon mit einem Hop-on-hop-off-Bus zu den Aussichtspunkten gefahren wurde, wenn schon das eigene Auto nicht erlaubt war. Viel laufen konnte ich nämlich nicht und schon gar nicht irgendwo rumklettern, da mein Großzehen-Grundgelenk (Gro-Gru) nicht nur so geschwollen war, dass ich ohnehin in keinen Wanderschuh gepaßt hätte, sondern es auch ungemein schmerzte.
Ich war also einerseits dankbar, dass die Urlaubsplanung nicht völlig platzte, und zwar den Kaliforniern, weil sie darauf vorbereitet waren, dass Menschen nicht laufen.
Und ich war andererseits ganz und gar undankbar, dass mein Gro-Gru mir einen so schmerzhaften Urlaub bescherte, und zwar meinem Orthopäden gegenüber, den ich als Verantwortlichen im Verdacht hatte.

Wie sich nach dem Urlaub rausstellte, litt mein Gro-Gru unter Schmauchspuren, die sich in ihm breit machten. Den Befund in Händen sagte ich meinem Orthopäden, dass sich mein Fuß auch tatsächlich anfühle, als hätte jemand reingeschossen, woraufhin er mir versicherte, dass er die OP vor drei Jahren so nicht durchgeführt hätte.
Fakt ist jedoch, dass die Schraube, die er damals in mein kaputtes Gelenk gedreht hat, sich bewegt hat und daher ein paar hübsche Spuren hinterlassen hat, die ich allerdings vielmehr als "Schmachspuren" denn als Schmauchspuren bezeichnen würde, da sie zur Schmach meines Orthopäden gereichen.

Nächste Woche operiert übrigens eben jener Orthopäde mein Knie. Je nach Resultat sollte man doch mal prüfen, ob er nicht mit der amerikanischen Tourismusbehörde zusammenarbeitet.

Hier nun ein Foto, für das ich mich ca. 20m vom Auto wegbewegen mußte:


"Die Landschaft erobert man mit den Schuhsohlen, nicht mit den Autoreifen."
(George Duhamel)
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Eigentlich...
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