Mittwoch, 2. Dezember 2009

Das Murmeltier, es wandert

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Das Murmeltier, es wandert. Es ist nicht gerade leichtgewichtig und das Laminat knarzt bei jedem Schritt. Ich kann es durch die Wand hören. Durch diese Wand kann man so ziemlich alles hören, vor allem laute Musik und laute Fernseher, was ein gewisses Maß an nachbarlicher Rücksicht erfordert. Ich bin oft rübergegangen und habe mit meinem Nachbarn, dem Murmeltier, darüber gesprochen. Oft. Es weiß bescheid. Bloß, dass das dicke Murmeltier drauf scheißt. (Nur einmal hat es mir - im Auftrag seines italienischen Freundes - Schokolade schenken wollen, weil ich diesem eine ganze Nacht lang beim Poppen zuhören durfte, aber ich habe abgelehnt. Wie billig ist das denn?)
Wenn ich nachts in meinem Bett liege, beschallt mich der Fernseher von nebenan bis irgendwann, tapp tapp tapp, Schritte zu dem Apparat, der am Kopfende meines Bettes stehen muss, zu vernehmen sind und Ruhe einkehrt, meistens so gegen halb vier, wenn ich Glück habe, um halb zwei. Mit "Ruhe" meine ich, man hört anschließend nur noch Gestöhne, Geschnarche oder, wie meistens, Gehuste.

Rachegedanken, wie ich mich mit dem Radiowecker revanchieren werde, wenn ich früh am Morgen raus muss, laufen ins Leere, wenn noch vor dem Radiowecker das morgendliche Abgehuste des Murmeltiers mich weckt. Es raucht stark, das Murmeltier, so stark, dass der Qualm ins Treppenhaus und von dort in meine Wohnung zieht. Das Murmeltier ist mehr als lästig und es tut mir leid, dass ich den Begriff Murmeltier gewählt habe, denn es beleidigt die gesamte Spezies.
Vor allem in der letzten Zeit ist mal wieder deutlich geworden, dass das Murmeltier, das neben mir wohnt, ein Arschloch ist. Aber: Es wandert nicht nur - es wandert aus!
Und diese Aussicht ist, was mich davon abhält, etwas Dummes, Niveauloses zu tun, um mich abzureagieren. Etwa ihm Pattex ins Schlüsselloch zu schmieren, wenn er ausnahmsweise die Wohnung verläßt, um Bier zu kaufen, oder ihm Ketchup oder Honig in die gepackten Kisten oder Möbel zu drücken, die sich im Treppenhaus stapeln, oder auch, ihn namentlich im Internet anzuprangern und zu einer Hetzkampagne aufzurufen.
Auf solche Phantasien hat mich die Machtlosigkeit gegenüber diesem Un(Verhalten) gebracht.
Denn das Murmeltier packt seine sieben(tausend) Sachen nämlich nicht tagsüber, sondern nachts. Wahlweise auch früh morgens...

Glück im Unglück: Ich bin krankgeschrieben und muss mich nicht, wenn ich nachts aus dem Schlaf gerissen werde, mit dem quälenden Gedanken rumwälzen, schnell wieder einschlafen zu müssen, weil ich zwei Stunden später aufstehen und zur Arbeit gehen muss.
Dennoch ist es belästigend, wenn man schlaftrunken die Kartons mitzählen kann, die gepackt werden. Rumpel-rumpel, kruschel-kruschel, schieb-schieb, Kiste in die Ecke. Nächste.
Mit Krücken und Post-OP-Thrombosestrümpfen überlegt man natürlich länger, ob man sich beschweren geht, also brüllt man höchstens mal. Dass das Murmeltier jedoch schwerhörig ist läßt sich bereits am bisherigen Verhalten erahnen.

Gestern Nacht aber sprang ich (nur sprichwörtlich) aus dem Bett, als mich um 5:23 Uhr lautes Gepolter senkrecht in diesem sitzen ließ und ich sogleich lautstark "Heavy Cross" von drüben vernahm. Gutes Lied, aber nur, wenn man es auf seiner Seite der Wand hört und vorzugsweise zu einer anderen Uhrzeit.
Um 5:27 Uhr stand ich dann vor des Murmeltiers Höhle bzw. Hölle und klingelte. Die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet und ich sagte "Könnten Sie Ihre Umzugsaktivitäten (bitte tagsüber erledigen?)", bzw. das wollte ich sagen. Aber nach den ersten vier Worten fiel die Tür mit einem gebrummten "Tschuldigung" wieder zu. Perplex humpelten ich und meine Krücken zurück zum Bett, wo ich mich wieder auf Schlaf einrichtete und befriedigt Ruhe drüben feststellte. Sie hielt ganze zehn Minuten.

Perfider Weise gab es kein Gepolter oder Gedröhne mehr, sondern ein offenbar eigens für mich aufgeführtes Konzert aus Gähnen, Seufzen und Husten. Nein, ich bin nicht etwa paranoid. Es läßt sich ja unterscheiden, ob jemand gekünstelt gähnt oder seufzt oder hustet, vor allem dann, wenn ein wahres Klangarrangement inszeniert wird. Allein die fehlenden Abstände zwischen den jeweiligen onomatopoetischen Lauten widersprachen jeglicher Natürlichkeit.
Uah (gähn)
hach (seufz)
uah (gähn)
hust
hust
hust
haaach (seufz)
Bei nächtlicher Ruhestörung durch nachweisliches Gepolter und Gedröhne hätte ich das Gesetz auf meiner Seite (auch wenn ich es ungern bemühen würde), aber bei "natürlichen" Geräuschen...? Wohl kaum. Das weiß sogar das Murmeltier. Es ist ja nicht doof, sondern nur asozial.
Aber es ist auch bald weg. Weit weg. Auf einem anderen Kontinent. Juhu.

Das ist mein persönlicher Adventskalender: Jeden Tag dem Abgang des Murmeltiers näher zu rücken. Und wenn das zur Beruhigung nicht mehr reicht, so findet sich bestimmt hinter dem ein oder anderen Türchen eine Tube Pattex oder eine Ketchupflasche.
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Kommentare:

Rupse hat gesagt…

Harter Stoff Honey - tut mir leid.
Meine Faust rückt näher.

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.