Montag, 30. September 2019

Das achte FOFL

Gerade zurück aus den "Holiday" wird manchem "schwer (zu)mut", aber eingemummelt vor der "fireside", unter einem herbstlichen "moon", sehen wir uns in die "(Mocca)augen" und beschließen " to take it easy for a little while". It's FOFL time!

Das Metathema, das hinter der Wahl dieses Liedes steht, wurde der Runde erst am Ende des Abends mitgeteilt, nach dem dazugehörigen zweiten Beitrag (siehe weiter unten). Hier soll es gleich verraten werden: Präsentiert werden zwei Künstler, die jeweils durch Lieder sehr populär wurden, die nicht repräsentativ für ihr eigentliches künstlerisches Vermögen sind. Gefoflt wurde aber dann doch lieber über gute Beispiele aus dem jeweiligen Oeuvre. Das Werk von Herbert, welches als unwürdig betrachtet wurde, soll allerdings hier nicht verraten werden. FOFL-Geheimnis. Es entspann sich darum eine hitzige Diskussion, um Qualität, über die Kontrolle des Schöpfers über sein Werk hinsichtlich der Rezeption, über die Unabhängigkeit des Werks von seinem Schöpfer und die Ver­antwortung des Künstlers nichts unter eigenem Niveau zu liefern. "Moccaaugen" wurde aber natürlich auch noch diskutiert und ist fast unmöglich hier zu zitieren, weil so derb. Es schildert den Befreiungs­schlag aus einer ungesunden Beziehung der sexuellen Abhängig­keit. So ungesund, dass sie im Freitod endet. 

Ich hab genug von Deinen Moccaaugen
Ich hab genug von Dir, Chérie
Ich hab es satt, mich weiter auszulaugen
Ich hab es satt und c'est la vie
Du kommst herein und siehst mich pendeln
Mit einem Strick um meinen Hals
Jetzt ist es aus mit zartem Tändeln
Ich liebe Dich und all den Schmalz


Arctic Monkeys - Four out of five (2018)
"The information action ratio" ist ein Konzept des Kulturkritikers Neil Postman. Welche (Re)aktion folgt auf das Erlangen von Information bzw. folgt überhaupt welche? Dass eine Taqueria in einem Luxusresort auf dem Mond nach diesem Konzept benannt wird, war für die FOFL-Runde ein klarer Hinweis darauf, dass die Menschheit es verkackt hat. Die Erde ist dahin, trotz aller Expertenwarnungen (information) wurde nichts unternommen (action) und es folgte der Exodus. Genügend Ernst­haftigkeit scheint das der Menschheit nicht verliehen zu haben. Meteoriteneinschläge werden romantisiert, Gentrifizierung ist cute und es wird getanzt und gelacht. Das Lied ist zynisch, aber gut. Es lassen sich Reminiszenzen an Peter Gabriel oder David Bowie wahrnehmen (je nach FOFLer). Es lohnt überhaupt genaueres Hinhören in das vielfach unterschätzte Album "Tranqulity Base Hotel & Casino". Die Sci-Fi-Welt des Albums lädt zum kritischen Spacefloating ein.

Cute new places keep on popping up
Around Clavius it's all getting gentrified
The information action ratio is the place to go
And you will not recognize the old headquarters
All the nights that never happened
And the days that don't exist
At the information action ratio
Only time that we stop laughing
Is to breathe or steal a kiss


Al Wilson - The snake (1968)
Seinen Ursprung hat dieses locker-leichte Viervierteltakt-Liedchen in L.A., es wurde jedoch ein größerer Hit in der Northern-Soul-Bewegung in England. Es erzählt eine Parabel, die einige FOFLer stark an die persische Fabel vom Frosch und dem Skorpion erinnerte. Eine Frau holt sich eine halb erfrorene (aber ganze) Schlange ins Haus und päppelt sie vorm Kamin auf. Zum Dank wird die Frau von der Schlange gebissen, beschwert sich darüber und muss sterben. Die Schlange ist wenig einsichtig, ist sie doch eben eine Schlange. Wo die Frau eben noch mit tender angesprochen wurde, wird sie nun nur noch silly genannt. Und genauso wird sie auch intoniert (in der direkten Rede): dümmlich und schrill. Damit scheint die Parabel vermitteln zu wollen: Selbst schuld, wenn Du Dich mit dem falschen Kerl einlässt und an das Gute in ihm glaubst. Selbst schuld, wenn Du Dich darüber täuschst, was er ist. So ein Mann kann nicht gegen seine Natur handeln. Wer wird hier nun eigentlich kritisiert? Die miese Schlange oder die dumme Gans?

Take me in oh tender woman
Take me in, for heaven's sake
Take me in oh tender woman, sssssssssssssighed the snake
Now she clutched him to her bosom. "You're so beautiful" she cried
"But if I hadn't brought you in by now you might have died"
Now she stroked his pretty skin and then she kissed and held him tight
But instead of saying thanks, that snake gave her a vicious bite


Heinz Rudolf Kunze - Der Schwere Mut (1982)
Eine Antihaltung wird ja gerne bewußt zur Schau getragen, aber selten so offenkundig selbst reflektiert. In emotionalen Vergleichen und Worten zeichnet sich der Erzähler selbst - als Zyniker, als Besserwisser, beinah als Lebensverneiner. Beinahe nur, denn am Ende pflanzt er einen Baum in seine Wut und wählt doch das Leben, er kann nicht anders. Was es bedeutet, Schokoladenherzen in einen Automaten zu stecken, dazu kamen wir zu keinem rechten Ergebnis. Klar ist aber gemacht worden, dass HRK mehr kann als "Dein ist mein ganzes Herz", mit dem er seinen Durchbruch hatte (> Metathema). Die meisten werden nicht viel mehr von ihm kennen als das. Wir jetzt schon. Was wir jetzt auch noch wissen: Er hat sich stark von Elton Johns "Daniel" inspirieren lassen.... 

Wäre ich ein Tänzer
dann wählte ich die Lähmung.
Wäre ich ein Sänger
dann wählte ich den Schrei.
Bleiben von der Gegenwart
wird nichts als die Beschämung-
So ist es gewesen, ich war hemmungsvoll dabei.
Ich denke, also bin ich, also gut.
Mein Lebensmittel ist der schwere Mut.


Feist - My Moon my Man (2007)
Dieses Mal haben wir ein Gleichnis vor uns. Ein Mann, einst eine Lichtge­stalt für die Frau, die hier zu Wort kommt, beginnt als solche zu verblassen. Die Frau sehnt sich nach dem Licht, das er einst verbreitet hat, kann sich jedoch im Angesicht seiner Phasen und Launen offenbar selbst nicht zusammenreißen und vergreift sich im Ton. Die Dinge geraten aus den Fugen, die Beziehung aus dem Takt und vielleicht sogar mehr als das. Sie flieht. Ob nur vor Stimmungs­schwankungen, der schieren Unstimmigkeit der Beziehung oder gar Handgreiflichkeiten - das bleibt Interpretationssache. Einigkeit herrschte beim FOFL-Team darüber, dass das Lied zu jenen gehört, in der die von der Melodie transportierte Stimmung nicht zu der im Text thematisierten Situation passt.

My care, my coat, leave on a high note
There's no where to go but on
Heart on my sleeve, not where it should be
The song's out of key again
My moon's white face, what day and what phase
It's the calendar page again
Take it slow, take it easy on me
And shed some light, shed some light on me please


10CC - Dreadlock Holiday (1978)
Hier hätte die FOFL-Runde fast gar keinen Test gebraucht, denn hier kann eigentlich jeder mitsingen. Hoffentlich auch richtig, denn der erste Refrain (cricket) wird oft schon vergeigt und im Allgemeinen falsch gesungen (reggae). Ein etwas unbeholfener Tourist sucht das Abenteuer auf Jamaica, biedert sich in einer haarigen (ha!) Situation den vermeintlichen Banditen an, indem er sich erst als Cricket-Fan, dann als Reggae-Fan und schließlich allgemein als Jamaica-Fan verkauft. Der Text wartet mit schönem Slang auf und die Einforderung von Respekt! hat sich bis heute gehalten.

I heard a dark voice beside of me
And I looked round in a state of fright
I saw four faces, one mad
A brother from the gutter
They looked me up and down a bit
And turned to each other
I say I don't like cricket, oh no
I love it


Nach der Diskussion gab es noch ein abschließendes Quiz: Nach wenigen möglichst unintoniert gelesenen Zeilen (muhmuhmuh) gilt es, den Text fortzusetzen oder Titel/Interpret zu erraten. Wer weiß, um welches Lied es sich hier handelt, gewinnt - wortwörtlich...
I don't want to talk
about the things we've gone through
Though it's hurtig me
Now it's history.

Wir brennen fürs FOFL - das nächste Mal im Advent, Advent...



P.S. Sollten sich im Text merkwürdige Worte, Tippfehler oder ähnliches befinden, liegt das daran, dass die Transkription meiner Smart-Pen-App offensichtlich Probleme mit meiner leidenschaftlichen Handschrift hat.

Montag, 5. August 2019

Archivbashingszene 8

Orange Is The New Black is back.

Kurzer Exkurs für jene, welche die Serie nicht kennen (alle anderen dürfen diesen Absatz gerne überspringen): Die Frauengefängnis-Serie behandelt auf tragikomische Weise Machtmissbrauch, Drogenmissbrauch und weitere unschöne Formen von Missbrauch, Rassismus und Klassismus, Homophobie und Fanatismus. Sie thematisiert nicht nur die Schwierigkeiten des Strafvollzugs, sondern beleuchtet auch die Einzelschicksale der Frauen vor und während ihrer Haft.
Produzentin Jenji Kohan wußte, sie würde nie die Geschichten von Latinos, Schwarzen, Alten und Kranken im Gefängnis erzählen bzw. verkaufen können. Aber man nehme eine Weiße aus der amerikanischen Mittelschicht, die aufgrund einer fast verjährten Dummheit in den Knast muss, und schon kann man um diesen Anker herum alle anderen Geschichten einflechten und doch an den Mann bzw. die Frau bringen. Piper Chapman ist der Anker und ihre Geschichte ist angelehnt an die realen Erlebnisse von Piper Kerman, die über ihre einjährige Hafterfahrung ein Buch geschrieben hat. Es ist plausibel, dass die Geschichten der anderen Insassinnen von OITNB nicht weniger reale Elemente enthalten dürften.

Von allen Storylines ist Pipers eigentlich eine der eher weniger interessanten. Und das gilt besonders für die gerade erschienene siebte und letzte Staffel. Das vormals reiche, verwöhnte Mädchen muss nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis bei Null anfangen. Zu dem Umstand, dass man als ehemaliger Häftling nicht gerade zum beliebtesten Teil der Gesellschaft gehört und kaum irgendwo willkommen ist, gesellen sich hinderliche Bewährungsauflagen: Kein Alkohol und Ausgangssperre ab elf Uhr abends, kein Pot und regelmäßige Urintests, Jobverpflichtung mit Einschränkung (nirgends wo Alkohol ausgeschenkt wird). Wie soll man sich da in die Gesellschaft integrieren?


Das alles sind natürlich Luxusprobleme verglichen mit den Schwierigkeiten, mit denen sich die anderen Charaktere der Serie konfrontiert sehen: Abschiebung, Unterdrückung, Erpressung, physische Gewalt und der harte Gefängnisalltag im Allgemeinen. Insofern gehört die Archivbashingszene nicht nur zur am wenigsten interessanten Storyline, sondern auch innerhalb dieser Storyline sogar noch zu den weniger interessanten Themen.

Sie soll trotzdem aufgenommen werden ins Archivbashingszenenarchiv, denn das Fade an ihr unterstreicht ja im Grunde zusätzlich das klassische Schema von Archivbashing: Die Arbeit im natürlich langweiligen Archiv (es ist eher ein Aktenlager, kein ordentliches Archiv, aber: geschenkt) wird als Strafmaßnahme eingesetzt.

Es ist anzunehmen, dass man für die Schilderung des steinigen Weges eines Ex-Häftlings auf Bewährung etwas wirklich Hartes gesucht hat. Etwas, das trotz wiedergewonnener Freiheit dem Gefängnis irgendwie am nächsten kommt...

Zur Szene:
Um wieder auf die Füße zu kommen, bettelt Piper bei Ihrem Vater um einen Job in dessen Büro, egal wie dröge. Und das Einzige, was dem Vater einfällt, ist: Er würde gerne sämtliche Akten des Archivs digitalisiert haben. Also, ab zu den Archivkartons und Wurzeln schlagen vor dem Scanner.
Der Vater hat noch seine eigenen pädagogischen Ansprüche, was den "Vollzug" seiner Tochter angeht. Die Verbüßung ihrer Haftstrafe genügt ihm nicht als Wiedergutmachung für seine persönliche Enttäuschung. Deswegen achtet er besonders darauf, es ihr nicht einfach zu machen. Sie bekommt nicht frei, um die Besuchszeiten bei ihrer Frau (noch im Knast) wahrzunehmen, darf beim Scannen keine Musik hören, sondern soll sich konzentrieren und jeden noch so kleinen Lapsus sieht er als Beweis für ihre Unverantwortlichkeit.

Nicht, dass Piper nicht oft unverantwortlich handeln würde, aber mangelnde Gewissenhaftigkeit bei der eintönigen Arbeit kann man ihr eigentlich nicht vorwerfen. Sie ist bemüht. Aber letztendlich bricht sie dann doch zusammen - neben dem Scanner, mit gestohlenem Kuchen und einer Flasche Tequila. Da haben wir sie wieder: Die Assoziation von grauem Archivalltag und Alkoholismus.
(An dieser Stelle setzt gerade eine beunruhigende Selbstreflexion ein.)

Grey Is The New Orange.