Samstag, 8. September 2018

Archivbashingszene 6

Ich mag Saul. Er ist windig, aber ethisch in all seinem Unethischsein. Er ist ein Hochstapler, aber auf seine eigene robinhoodeske Weise. Er besitzt enorme Menschenkenntnis und nutzt diese mehr als geschickt aus. Seine rhetorischen Fähigkeiten übertreffen noch seine manipulativen (und umgekehrt, das eine geht nicht ohne das andere). Er ist treu, wenn auch nicht immer gesetzestreu. Er handelt unorthodox und improvisiert wenn’s drauf ankommt. Er ist ein bisschen der McGyver unter den Anwälten, allerdings nicht so umsichtig. Seine Zündsätze verbrennen schon mal ihm oder Leuten in seinem Umfeld die Finger.
Und wenn das passiert, was ist dann wohl die Strafe? 

In Staffel 2 produziert Jimmy McGill (Saul) ohne Absprache mit seinen Vorgesetzten einen wunderlichen TV-Spot für die Kanzlei. Seine Freundin Kim, die sich für ihn verbürgt hat und der Saul den ein oder anderen Fakt verschwiegen hat, wird nicht nur von ihm enttäuscht, sondern auch im Zuge der Angelegenheit durch ihren Arbeitgeber degradiert.Mitgehangen, mitgefangen. Ab in den Keller, ab ins Archiv.
 
Die räumliche Darstellung des Archivs ist nicht zu beanstanden. Auch besteht Kims Strafe nicht wirklich in Archivarbeit, sondern in schlichter Dokumentenprüfung. Die eigentliche Verunglimpfung des Archivs erfolgt durch Sauls Reaktion auf Kims neuen Arbeitsplatz. Er erzürnt sich, als hätte man sie in einen Gulag geschickt. Er empört sich ob der Unangemessenheit der Strafe. Heldenhaft will er sich für sie einsetzen und sie befreien.

Aber Saul ist eben ein Antiheld. Er ist mitreißend, meistens nach unten. Man weiß nicht, ob man sich wünschen soll, ihn zum Freund zu haben. Man könnte ihm Archiv landen. Da das für mich keine Bedrohung darstellt, tausche ich gerne meinen Helden von vor 30 Jahren (McGyver!) gegen diesen liebenswerten Schwindler. Trotz seiner offensichtlichen Meinung über Archive. Und wer ist schon Richard Dean Anderson im Vergleich zum fabelhaften Bob Odenkirk?
Better call Saul!
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Sonntag, 26. August 2018

Archivbashingszene 5

Ein wortwörtlich zu nehmendes Archivbashing gibt es in dem Film Illuminati (Angels & Demons). Tom Hanks alias Robert Langdon schießt erst um sich und verwüstet schließlich einen Teil der Geheimarchive des Vatikans.

Ich hatte zwar aus Gründen von Platzmangel auch ab und an mal den Gedanken ans Feuerzeug. Eine Art Bücherverbrennung wäre jedoch Häresie im Hinblick auf die Archivarsberufung und wenn ich dabei noch selbst dran glauben müsste (ha ha), wäre das fast ein Auto-Autodafé. Wobei letztendlich nicht das Feuer, sondern die Löschung desselben das Unangenehme wäre.

Denn wie bereits erwähnt: Feuer im Archiv > Türen schließen automatisch > Argonlöschgas übernimmt > qualvolles Ableben. Feuerzeug ist also keine gute Idee. 
Robert Langdon allerdings randaliert im Archiv aus besserem Grund. Er ist darin gefangen und die Luft wird knapp…

Illuminati wurde selbstverständlich nicht in den echten Geheimarchiven des Vatikans gedreht. Es wurde überhaupt nicht im Vatikan gedreht, denn dort war man der Ansicht, der Film sei "ein Verstoß gegen Gott" und man verweigerte deshalb die Dreharbeiten sowohl im Vatikan als auch in den katholischen Kirchen Roms. Es wurde für den Film alles computergeneriert oder nachgebaut.
In welchem echten Archivumfeld das Filmteam um Regisseur Ron Howard gedreht hat oder nach welchen Ideen sie das im Film zu sehende vatikanische Archiv rekonstruiert haben, dazu lässt sich leider nichts finden. Zwar stehen die Archive des Vatikans zumindest teilweise bestimmten Forschern offen, aber es ist nicht anzunehmen, dass diese als Informanten dienten. Gäbe es tatsächlich jene luftdichten Archiv-Kammern mit Unterdruck, deren Betreten im Film als lebensgefährlich dargestellt wird, kämen die Nutzer da ohnehin nicht rein. Die bleiben im Leseraum.


Es wurde bei der Rekonstruktion des Archivs vielmehr reichlich übertrieben.
Die im Film zu sehenden, versiegelten Archiv-Kammern befinden sich in einem "Teilvakuum", d.h. sie haben niedrigen Luftdruck. Sowas kommt in wissenschaftlichen Laboratorien zum Einsatz, bei denen das Ziel darin besteht, das Austreten von Schadstoffen zu verhindern, da der niedrige Druck einen konstanten Luftstrom in den Raum sicherstellt, den nach außen aber nur kontrolliert ableitet. In Archiven kommt sowas nicht zum Einsatz. Da ist eher verunreinigte Außenluft das Problem.


Während Robert Langdon in einer anderen Szene noch, wie es sich gehört, mit weißen Archivhandschuhen arbeitet und entsetzt über den vandalistischen Einsatz seiner Mitstreiterin reagiert, lässt er in der Archivbashingszene keine Zurückhaltung mehr erkennen. Er versucht mit allen Mitteln, aus dem unwirtlichen Hightech-Archivraum zu gelangen und es ist nachvollziehbar, dass sein Augenmerk dabei nicht darauf liegt, die Dokumente zu schonen. Ein bisschen weh tut einem der Anblick des notgedrungenen Wütens dennoch:

Sonntag, 12. August 2018

Archivbashingszene 4

Und schon komme ich aus dem Konzept... Denn der Film, auf dessen Archivszene ich im folgenden hinweisen möchte, enthält eigentlich nicht wirklich eine Verunglimpfung des Archivs. Blogtitel hält also nicht was er verspricht. Und der Filmtitel hält genaugenommen auch nicht, was er verspricht. "The secret life of Walter Mitty" lautet eine Kurzgeschichte von James Thurber von 1939. Der gleichnamige Film von und mit Ben Stiller von 2013 ist aber von dieser Kurzgeschichte lediglich inspiriert und verfolgt einen ganz eigenen Plot. Nichtsdestotrotz ist er recht nett. Und nicht nur wegen der Wertschätzung, die der Archivar hier am Ende erfährt.
Es ist ja bereits eine Wertschätzung, dass es in dem Film tatsächlich um einen Archivar geht, um jemanden, der also freiwillig und freudig in einem Archiv arbeitet und nicht dorthin strafversetzt wurde. Aber natürlich wird er von seinem Vorgesetzten trotzdem nicht nett behandelt und interessiert sich dieser nicht dafür, was die Arbeit des Archivars ausmacht.

Genau deshalb musste ich nun wieder an den Film denken. Denn mein eigenes Archiv wurde in der vergangenen Woche auditiert (durch eine bekannte Prüforganisation zur Qualitätszertifizierung von Managementsystemen). Die Qualität eines Archivs zeichnet sich dadurch aus, dass die Dokumentation sinnvoll erschlossen und Wiederauffindbarkeit gewährleistet ist, dass durch Kontextualisierung und Einordnung gesuchte Informationen verfügbar gemacht werden.
Interessiert hat sich der Auditor allerdings ausschließlich für die Klimawerte, die korrekte Aufstellung der Schädlingsfallen sowie die Wirkung des Edelgases, das im schlimmsten Falle aus der Löschanlage strömt. (Ich habe zuvor 30 Sekunden, um das Archiv zu verlassen.) Alles auch wichtig, keine Frage (vor allem letzteres). Der Auditor war beeindruckt. Er wäre das aber ebenso gewesen, wenn sämtliche Kartons leer oder absurd beschriftet gewesen wären und im falschen Regal gestanden hätten. Hat er nicht geprüft. Kann mir eigentlich egal sein, denn es gab kein Finding. Es wurde aber weniger die Qualität des Archivmanagements geprüft, als die der Archivräumlichkeiten.

Immerhin sehen auch die Archivräumlichkeiten in "The secret life of Walter Mitty" aus, wie sie im richtigen Leben häufig ausschauen. Hier also ebenfalls keine Verunglimpfung à Kellerloch. Immerhin geht es im Film um das Archiv des LIFE Magazines und das wird selbstverständlich nicht herabwürdigend dargestellt.



Das Beste aber kommt zum Schluss. Wenn schon nicht durch den Vorgesetzten, so doch immerhin durch den Starfotografen des Magazins erhält der stark tagträumende Walter Mitty den Ritterschlag für die Qualität seiner Arbeit. Dieser Fotograf, der permanent die ganze Welt bereist und ablichtet - und dem Walter im Laufe des Films um die ganze Welt folgt, wobei er zu sich selbst und zunehmend in die Realität findet - dieser Fotograf darf nämlich entscheiden, welches Bild auf das Cover der letzten Printausgabe des LIFE Magazines kommen soll. Und er wählt jenes Bild, das er für sein Bestes hält:
 

Nun, der Vergleich mag hinken... Ich arbeite nicht im Archiv des LIFE Magazines und der Auditor hatte auch keine Ähnlichkeit mit Sean Penn. Und da ich, im Gegensatz zu Walter Mitty, nur geringfügig zu maladaptive daydreaming neige, werde ich das Ganze realistisch betrachten müssen: Hauptsache keine Schabe im Archiv.

Freitag, 27. Juli 2018

Archivbashingszene 3

Die Serie Stromberg liefert den Gipfel, bzw. vielmehr den Tiefpunkt des Archivbashings. Nicht nur, dass Stromberg selbst ins Archiv der Capitol Versicherung strafversetzt wird, weil er die Tochter seines Chefs mit einer Preßwurst vergleicht. Er trifft dort auch auf einen Mitarbeiter, der keineswegs etwa Archivar ist, sondern ebenfalls einst dorthin verbannt wurde - aufgrund von Alkoholproblemen.
Das sind also in TV-Serien die Qualifikationen, die ein Archivar mitbringen muss: Kreativ Kinder beleidigen können und übertrieben ehrgeizig trinkfest sein. (Ich lege bei meinen Mitarbeitern ebenfalls Wert auf diese Qualifikationen, aber natürlich nicht ausschließlich.)

Weil Stromberg dazu neigt, sich Niederlagen schön zu reden, vergleicht er das Archiv immerhin mit dem Herzstück des Unternehmens, nennt es gar das Großhirn, wo alle Fäden zusammenlaufen. Da hat er selbstverständlich recht, ob er es ehrlich meint oder nicht. Ich kann mir zwar das Archiv einer Versicherung nur bedingt spannend vorstellen, aber ich will nun nicht meinerseits Archive schmähen. Man hat einfach so seine Vorlieben, was  Archivalien angeht.


Neben dem sonderlichen Mitarbeiter (der doch tatsächlich auf Metallklammern besteht...), gibt es natürlich noch das so häufige Klischee des deprimierenden, fensterlosen Kellerarbeitsplatzes. Und da soll man dann das Trinken aufgeben...

Stromberg - Mit allen Mitteln (S2E10)
[Szene 02:10 bis 03:50]


Dienstag, 24. Juli 2018

Archivbashingszene 2

Als ich kürzlich ein Archivsymposium in Österreich besuchte, war das in doppelter Hinsicht befruchtend. Als Archivar ist man eine Insel und es tut immer gut, mit anderen Inseln zu sprechen. Aber nicht nur beruflich war das Treffen motivierend, auch für mein kleines privates Projekt gab es kollegiale Anregung (je später der Abend und mit ausreichend Zirbenschnaps). Zum Beispiel die folgende Szene aus "Star Wars, Episode II: Attack of the Clones" (2002). Vielen Dank dafür.

Obi-Wan Kenobi sucht in den Jedi-Archiven nach einem mysteriösen Planeten. Als dieser nicht in der Datenbank auftaucht bzw. wahrscheinlich von den Navigationskarten entfernt wurde, erdreistet sich Obi-Wan Kenobi gegenüber der Archivarin Madame Jocasta Nu laut zu denken: "Impossible. Perhaps the archives are incomplete."
"If an item does not appear in our records, it does not exist." erwidert die Archivarin knapp.

Nicht nur weil von Obi-Wan (zu Recht, wie sich später herausstellt) eine Verschwörung vermutet wird, ist die Reaktion der Archivarin nicht angemessen, geschweige denn repräsentativ oder schmeichelhaft für den Berufszweig. Ein Archivar würde die Herausforderung, etwas aufzuklären, wie ein Bluthund annehmen, würde Hintergründe erfragen, Synonyme eruieren, den Audit Trail der Datenbankeinträge prüfen etc. etc.
Archive arbeiten immer daran, Sammlungen zu vervollständigen und zu erweitern, die Arbeit ist nie abgeschlossen. Archive sind ja nicht tot, sie wachsen. Deswegen ist die Antwort der Jedi-Archivarin eher eine engstirnige Bankrotterklärung.

Wie dem auch sei, das Archiv immerhin sieht wundervoll aus (weil es strengenommen eine Bibliothek ist, macht optisch einfach mehr her).




Montag, 16. Juli 2018

FOFL, zum dritten!

Mit dabei bei einem sehr interessanten dritten FOFL waren (neben den Teilnehmern): Eine ungeliebte Band, ein roter Faden, der sich durch gleich drei Songs spann (Existentialismus!), Tribute und Widmungen an prominente und weniger prominente Personen, ein Wanderer im Schlüpfer und wie immer: Verständnisschwierigkeiten.


Beck - Debra (1999)
Den Auftakt machte diese entzückende Ballade von Beck, in der er in höchsten Tönen (so hoch singt Beck eher selten) ein Mädchen anschwärmt. Er will nicht nur mit ihr, sondern auch gleich noch mit ihrer Schwester Debra ohne großes Kennenlernen zur Sache kommen. Funny.
Ain't no use in wasting no time gettin' to know each other
You know the deal!
Cause only you've got a thing
That I just got to get with
I wanna get with you, only you, girl
and your sister
I think her name is Debra


The Cure - Killing an arab (1978/79)
Existentialismus, Part 1. Robert Smith verarbeitet seine Eindrücke aus der Lektüre von Camus' "L'Étranger". Da ich erst kürzlich erneut Camus' Roman gelesen habe und
The Cure noch dazu in meiner Jugend sehr bedeutungsvoll für mich waren, habe ich mich sehr über diesen Beitrag gefreut.
Anhand der Schlüsselszene (dem Mord) wird das grundsätzliche Thema des Romans wiedergegeben: Die Bedeutungslosigkeit des menschlichen Lebens, das einfach
entscheidungslos geschieht, eine Unterwerfung unter die Gleichgültigkeit der Welt.
I can turn and walk away or I can fire the gun
staring at the sky, staring at the sun
whichever I choose it amounts to the same
absolutely nothing
I'm alive
I'm dead
I'm the stranger
killing an arab


Die Toten Hosen - Warten auf Dich (1984)
Erster Beitrag zum Thema "Stimmungsdiskrepanz zwischen Text und Melodie". Die Band, die keiner der FOFLer mag, besingt in ihrer Frühzeit und in Stadiongegrölemanier
die Repressalien, die ein Außenseiter täglich erdulden muss. Der liebliche Refraintext allerdings könnte auch aus einem Schlager stammen. Es kam die Frage auf, ob das Lied den Starken oder den Schwachen den Rücken stärken soll. Auslegefähig.
Durch die Straße Deiner Albträume
Es führt kein Weg daran vorbei
Du weißt was Dich erwartet
Es nutzt kein Hilfeschrei
[Refrain]
Sie warten nur auf Dich
Mit einem Lächeln im Gesicht
Wollen sie Dich
Sie wollen nur Dich



Alt-J - Fitzpleasure (2012)
Eine musikalische Delikatesse mit einem schwierigen Text. Geschuldet ist das einem hohen Maß an bildhafter Sprache und Slang.
Verstanden haben wir das Lied als respektvolle Ode an eine Hu re, die Jungs zu Männern macht. Allerdings lagen wir damit ziemlich falsch. Geschildert wird vielmehr die brutale Massenvergewaltigungsszene aus H. Selby Jr.'s Roman "Last Exit to Brooklyn" von 1964.  Erschreckend, dass bei uns eine ganz andere Stimmung ankam.
Gelernte Vokabel: fluffer. (Auf Erläuterung muss verzichtet werden, da der Blog sonst wieder einen branchenspezifischen Angriff auf die Kommentarfunktion erlebt.)
Tall woman, pull the pylons down
And wrap them around the necks of all the freckless men that queue to be the next
Steepled fingers, ring leaders, queue jumpers
rock fist paper scissors, lingered fluffers.
In your hoof lies the heartland
where we tend for our treasure, pleasure, leisure



The Beatles - Dear Prudence (1968)
Im Gegensatz zur unbeliebten Band konnte sich dieses Lied fofligen Wohlwollens erfreuen. Geschrieben hat Lennon es während eines Meditationskurses in Indien, an dem
neben den Beatles auch Mia Farrow und ihre Schwester Prudence teilnahmen; außerdem unter anderem Folksänger Donovan, der Lennon die hier angewandte Fingerpicking-Technik auf der Gitarre beibrachte. Mit dem Lied sollte Prudence, die - übermäßig besessen vom Meditieren - ihr Zimmer nicht mehr verließ, aus ihrer Klausur gelockt werden.
Dear Prudence, won't you come out to play
Dear Prudence open up your eyes
Dear Prudence see the sunny skies
The wind is low, the birds will sing
That you are part of everything



Meursault - The Dirt and the roots (2009)
Existentialismus, Part 2. Die Band aus Edinburgh benannte sich nach der Hauptfigur aus Camus' "L'Étranger". Der rote Faden findet sich also eher im Bandnamen als im
Liedtext. Der Mörder Meursault bleibt sich treu und ist nicht bereit, etwas vorzutäuschen, um sich zu retten, weder Reue noch das Empfinden für einen Sinn des Lebens. Verdammt (und hingerichtet) wird er nicht zuletzt dafür, dass er im Anschluss an die Beerdigung seiner Mutter eine Liebesaffäre beginnt und sich im Kino eine Komödie ansieht - also nicht den Erwartungen der Gesellschaft entspricht.
And never will I find anything that will bind me to all that I knew
Until I find out I will bury my heart beneath the dirt, the soil and the roots.



Two Doors Cinema Club - Changing of the seasons (2013)
Zweiter Beitrag zum Thema "Stimmungsdiskrepanz zwischen Text und Melodie", dieses Mal aus Nordirland. Eine schmerzhafte Trennung wird textlich verarbeitet und in
fröhliche Popmelodie verpackt. Letztendlich entsteht nicht zuletzt dadurch der Eindruck der Überwindung und des Verschmerzens der verlorenen Liebe.
When you say you won't forget me
I can tell you that's not true
'Cause every day since you left me
I've thought less and less of you
And I've worn out all the reasons
To keep knocking at your door
Could be the changing of the seasons
But I don't love you anymore



Phil Vetter - Trottelkind (2016)
Als Beitrag zu gelungener deutschsprachiger Liedkunst gedacht, gingen die Meinungen dazu nicht zuletzt aufgrund von Verständnisschwierigkeiten jedoch auseinander. Damit
ist nicht der tatsächlich stattgefundene Verhörer gemeint, der einen "Schlüpfer" in den Text schummelte (im Lied zwischen 0:50 und 0:55). Dieser konnte geklärt werden, wenn auch ohne Hilfe des Künstlers. Jener wurde nämlich im FOFL-Vorfeld angeschrieben, hat sich aber leider nicht geäußert (wahrscheinlich hätte der Schlüpfer im Anschreiben besser unerwähnt bleiben sollen). Verstanden haben wir das Lied als (Wanderer-)Metapher für den Lebensweg.
Großen Neid gibt's zum Freundschaftspreis
Und er verlangt nach Heiterkeit.
Hab mir die Fassung bewahrt
Und da ne neue Birne drauf gemalt
Ein weit'res Mal als Trottelkind getarnt
hab ich mich selbst wieder und wieder nachgeahmt



Modest Mouse - Lives (2000)
Existentialismus, Part 3. Puh, sperrig wie manch existentialistische Lektüre kommt die Musik von Modest Mouse daher. Weniger exzentrisch aber ist der Text, zur
Abwechslung mal befreiend unmetaphorisch geht er direkt zum philosophischen Kern.
Everyone's afraid of their own lives
If you could be anything you want
I bet you'd be disappointed, am I right?
And it's our lives
It's hard to remember, it's hard to remember
We're alive for the first time
It's hard to remember, it's hard to remember
To live before you die



Not hard to remember: Nach dem FOFl ist vor dem FOFL.
Freu mich auf einen goldenen FOFL-Herbst.

Mittwoch, 27. Juni 2018

Waiting for world cup... oh, schon rum


Gestern Abend in Alt-Ginnheim….
Ich besuche eine Freundin um gemeinsam Fussball zu schauen. Kurz bevor wir den Biergarten erreichen, offenbart sie mir, dass er von Kroaten geführt wird. Das ist einerseits gut, weil dann ganz sicher das Spiel von Kroatien gegen Island gezeigt wird, andererseits schüchtert es mich ein. „Aber wie soll ich mich denn dann freuen?“ frage ich sie mit unerschütterlichem Optimismus und ziehe verängstigt meinen Ärmel runter. Am Handgelenk trage ich eine Devotionalie der isländischen Mannschaft. Etwas, wozu ich sonst nicht neige. Da sieht man, wozu einen ein starkes Sympathiegefühl bringen kann. Das Ding ist ein Überbleibsel aus dem Islandurlaub, der erst eine gute Woche zurück liegt. Die Freude, der Stolz, der Wille der Isländer…, der unmittelbare Eindruck davon vor Ort wabert noch in mir fort. Ich trage das Armband als Glücksbringer. Auch etwas, wozu ich sonst eher nicht neige: Aberglaube. Mir bleibt nur leider nichts anderes, womit ich helfen könnte und Glück können die Isländer gebrauchen.
Der Biergarten ist in zwei Bereiche aufgeteilt, in einem läuft das Spiel Argentinien-Nigeria, dort ist es voll. In dem anderen Bereich sind nur vier Tische besetzt und wir setzen uns dorthin. Beim Tor der Isländer vergesse ich kurz mich und wo ich bin und sehe mich verunsichert um. Aber es wird klar: An drei der vier anderen Tische sitzen Island-Anhänger. Sogar eine Isländerin ist dabei. Áfram! ruft sie.
Erleichtert will ich einen Schluck von meinem Bier nehmen. Ein paar Fliegen umschwirren es und ich bin versucht, meinen Arm zu heben. Sind aber keine isländischen Fliegen.

Kürzlich in Island…
Am Solfatarenfeld Námafjall versuche ich zumindest den Mund geschlossen zu halten, wenn es mit den Ohren schon nicht gelingt. In die finden munter ständig die hier ansässigen lästigen Fliegen ihren Weg. Verschließen würde ich die Ohren am liebsten aber auch, weil vor mir eine Gruppe Amerikanerinnen läuft, die aufgrund der vielen Fliegen hysterisch kreischt und schon den Tränen nahe ist. Beides ist in dieser Situation nicht zuträglich. Die Fliegen mögen offene Münder und Körperflüssigkeiten. Den hektisch wedelnden Damen kommt bald eine andere Touristengruppe entgegen, von denen jeder einzelne einen Arm nach oben streckt. Sieht zumindest für mich nach deutschem Gruß aus und ich bin mehr als befremdet. Die Amerikanerinnen finden das trotz der belastenden Fliegensituation sehr komisch und geben das lautstark zum Ausdruck. Ein Herr aus der Gruppe erklärt schließlich, dass die Fliegen immer den höchsten Punkt anfliegen und wenn das der erhobene Arm ist, sind die Körperöffnungen sicher. „We’re not idiots“ fügt er hinzu und geht. Die nun die Arme nach oben reckenden Frauen vor mir laufen kreischend weiter. Nun kreischen sie allerdings vor Amazement, weil die Fliegen sie in Ruhe lassen.


  
Gestern Abend in Alt-Ginnheim...
Im Biergarten wünsche ich mir, ich könnte den Arm heben und die Kroaten würden die Isländer in Ruhe lassen. Stattdessen machen sie noch ein Tor.

Heute, offenbar in einem schlechten Traum während des Mittagsschlafs...
Die deutsche Selbsthilfegruppe, die vergessen hat, ihr Sanostol zu nehmen, ist ausgeschieden. Zum ersten Mal in der WM-Geschichte bereits in der Vorrunde.
So wie Island. Die allerdings zum ersten Mal in der WM-Geschichte überhaupt dabei waren, kein Weltmeister sind, keine Hybris zeigten und also eindeutig besser dabei wegkommen.
Könnte mich bitte jemand aufwecken, vielleicht mit einem herzhaften Húh?