Sonntag, 10. März 2019

FOFL VI


Leider war das gestrige sechste FOFL ein verkürztes (weniger Beiträge), aber Quantität ist ja bekanntlich nicht Qualität. Es waren wieder interessante Lieder am Start, es gab spitzfindige Spekulationen, ein paar P0rnotheorien (die hier nicht näher erläutert werden) und gebührendes Gedenken.

Nightshift - The Commodores (1985)
Die R&B-Combo um Walter Orange zollt zwei Kollegen Tribut. Marvin (Gaye) ist möglicherweise geläufiger als Jackie (Wilson). Beide Sänger können nicht mehr an der Nightshift (sich die Nacht musizierend in Clubs um die Ohren schlagen) teilhaben, sie starben 1984, im Jahr vor Erscheinen des Songs. Dieser enthält Anspielungen an die jeweils bekanntesten Lieder der verstorbenen Freunde: "What's going on" aus Gayes "I heard it through the grapevine" sowie "higher and higher" aus Wilsons "You're love keeps lifting me". Neben diesen Würdigungen wurde von uns der ausgezeichnete fretless bass anerkannt und über "neigeschifft" geschmunzelt.

Gonna miss your sweet voice
That soulful voice
On the nightshift
We all remember you
Ooh the songs are coming through
At the end of a long day
It's gonna be okay

Is he strange - John Grant (2018)
Es ist zwar klar, wo wir sind (Island), aber auf den ersten Blick nicht so ganz, wer hier zu wem spricht. Mit "you" scheint der Sänger sich selbst anzusprechen und mit etwas Hintergrundinformation entfaltet der etwas rätselhafte Text seine ganze Dramatik. Grants isländischer Partner konnte dessen Lebensumstände auf Dauer nicht ertragen und die davon belastete Beziehung scheiterte. In seinem Lied vergibt Grant sowohl der verlorenen großen Liebe, als auch sich selbst. Sehr ausdrucksstarkes Lied, textlich und musikalisch.

It's just good to know that
You can love while you are
Letting go, look at the snow
Look at it swirl and blow
And you never thought
That tree would grow

The Well - Bill "Smog" Callahan (2005)
Schönes Songwriter-Werk (ich fühlte mich ein bisschen an den Barden aus der Serie "Patriot" erinnert). Ganz eutschleunigt wird eine Szene beschrieben, die nichts Geringeres als den Kreislauf des Lebens, Naturschutz, Freigeist und die Facetten des Menschseins vereint. Die erwähnte Entschleunigung wird vom Text transportiert, musikalisch geht der Song dagegen stetig (und manchmal ein kleines bisschen langatmig) in schwankender Monotonie vorwärts, wie ein Zug rauscht und eilt die Gitarre dahin, nur gelegentlich verlangsamend, aber immer wieder an Fahrt gewinnend. Wie das Leben eben. Choo choo.

I stared into the black black black
And you know I had to yell
Just to get my voice back
I guess everybody has their own thing
That they yell into a well
I gave it a coupla hoots
A hello and a fuck y'all

Empty Garden - Elton John (1982)
Nach anfänglicher Assoziation mit der Satire "Being there" von Jerzy Kosinski und bei genauerem Hinsehen (unerlässlich beim Fofln) wurde deutlich: Hier wird ebenfalls einem Verstorbenen anerkennend gedacht. Es handelt sich um niemand Geringeren als Johns Freund John, also Eltons Freund Lennon. Das Attentat auf diesen hat die gute Saat vernichtet und der Garten liegt verwaist. Elton ruft vergeblich, denn Johnny won't "come out to play“. Eine Anspielung auf "Dear Prudence" übrigens, geschrieben von Lennon/McCartney. Eine weitere Anspielung (brownstone building) betrifft das Dakota Building, in dem Lennon wohnte und vor dem auf ihn geschossen wurde. Und nein, mit dem Insekt ist ganz sicher nicht Yoko Ono gemeint, sondern Mark Chapman, der Mörder.

Who lived here
He must have been a gardener that cared a lot
Who weeded out the tears and grew a good crop
And now it all looks strange
It's so funny how one insect can damage so much grain

Guess who - Alabama Shakes (2015)
Liest man den Text zunächst wie ein - zugegebenermaßen nicht besonders ausgefeiltes - Gedicht, klingt es einigermaßen ernst. Mit dem Wissen, daß Brittany Howard hier unter anderem thematisiert, mit was sich die Tochter einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters in Alabama konfrontiert sieht, ist auch verständlich, daß sie sich nach innerer Ruhe sehnt. Erstaunlich ist die Leichtigkeit mit der das Lied daherkommt, locker-groovy, wonnig und scheinbar, aber eben nur scheinbar, direkt aus den 60ern: Einer Zeit als in Alabama der KKK offen Jagd auf "die Nigger" machte. Etwas viel der Interpretation?
Vielleicht, aber Rassismus ist eben nach wie vor ein Problem, auch und vor allem in Alabama.
Those things they say can't get to me, but they do
I don't see the sky as blue, as you do
Should I fantasize, there must be some way to love again?
It's been so hard for a girl like me, it's true
People say I just look like my daddy, cause I do
All I really want is piece of mind

Muriel and the Bug - Lord Kitchener (1963)

Es handelt sich bei dem Interpreten nicht um den englischen Politiker, der im sudanesischen Burenkrieg kämpfte, sondern um den trinidadischen Komponisten Aldwyn Roberts, der eine Größe im Calypso-Genre war. Geht es in diesem Lied ganz unschuldig um Bed Bugs? (Wobei Bed Bugs grundsätzlich nie unschuldig sind!) Oder trieft es von versteckten sexuellen Anspielungen? Kommt der Käfer näher an Muriel Allersheiligstes als all die Männer, die es versucht haben? Ist der Bed Bug wirklich ein Käfer oder doch eher ein Betthaserl?
A bed bug that found himself into Muriels treasure
That bug is really clever to find that area
Muriel said, I can't believe
This little bug have me this eve
Man have tried secretly
But never touch my treasury

Weiter gefoflt wird im nächsten Quartal. Zum Glück ist das schon bald.

Samstag, 5. Januar 2019

25 in 18


Ein glückliches, gesundes Jahr 2019 wünsche ich Euch allen!
Und wie immer folgt auf diesen Satz der Rückblick auf das vergangene Lesejahr...

..., das ein ganz hervorragendes war. Und ich meine damit nicht die Anzahl der Bücher, die ich gelesen habe, auch wenn es so viele wie lange nicht waren. Die Anzahl sagt aber ja nichts aus, auf die Dicke kommt es an, auf die Komplexität der Sprache, auf den Lesestoff, der noch nebenher konsumiert wird etc. Daher bin ich eigentlich selbst nicht angetan von dem Überschriftenschema, das ich den Jahresrückblicken hier einst habe angedeihen lassen. Aber ich bin offensichtlich auch zu philiströs, um nun noch etwas daran zu ändern. Nein, das Lesejahr 2018 war so hervorragend, weil die guten Bücher nicht nur überwogen, sondern sogar überragende Werke dabei waren.

Hier die komplette Liste.
Wen mein persönliches Empfinden zu den Büchern interessiert, darf gerne etwas weiter unten weiterlesen. Das Ranking der Top 3 erfolgt ganz unten.

Kristof Magnusson - Gebrauchsanweisung für Island
Alasdair Gray - Lanark (BC)
Elizabeth Strout - Olive Kitteridge

Anthony Burgess - A Clockwork Orange (BC)
Irene Hunt - The Lottery Rose (BC)
Siri Hustvedt - Was ich liebte
Ted Kosmatka - The Flicker Men (BC)
Jón Kalman Stefánsson - Sommerlicht, und dann kommt die Nacht

Donald Ray Pollock - The heavenly table
Halldór Laxness - The atom station
Sarah Bakewell - At the Existentialist Café (BC)
Franz Kafka - Amerika

Albert Camus - Der Fremde
Ali Smith - Autumn (BC)
Helen DeWitt - The last samurai (BC)
John Green - Turtles all the way down (BC)
Sharon Creech - Walk two moons (BC)
Carson McCullers - The heart is a lonely hunter
Khaled Hosseini - The kite runner (BC)
Christopher Isherwood - Good-bye to Berlin
Ian McEwan - The Children Act

Jeff VanderMeer - Borne (BC)
Julian Barnes - The sense of an ending (BC)
Tom Hillenbrand - Drohnenland
Tayeb Salih - Season of migration to the north (BC)


Alasdair Gray - Lanark
Fantastisch bis surrealistisch, stark dystopisch. Während des Lesens dachte ich oft, das sei nichts für mich. Dann wieder war es faszinierend und fesselnd. Man kann das Buch nicht so allgemein empfehlen, es ist recht speziell und wird für die wenigsten etwas sein. Mir hat es sich trotz gelegentlichen Widerwillens eingeprägt und nachwirkend, quasi im Abgang, hat es immer mehr meine Zuneigung gewonnen.
 
Elizabeth Strout - Olive Kitteridge

Nach "Lucy Barton" im letzten Jahr wollte ich mehr von der großartigen Art, wie Menschen mit so wenigen Worten so gut gezeichnet werden können. Und "Olive" war dahingehend noch ergiebiger. Sehr schön. Auch nett ist die Verfilmung mit Frances McDormand in der Hauptrolle (Mini-Serie). 

Anthony Burgess - Clockwork Orange
Wollte ich nicht lesen, weil ich den Film so grausam in Erinnerung hatte. Aber dann fand ich das Buch toll, allein schon die eigene Jugendsprache, die Burgess für den Roman geschaffen hat (Nadsat), hat mich hingerissen. Itty to the Biblio, put on your otchkies and viddy it out.

Irene Hunt - The Lottery Rose
Nettes Buch für Jugendliche, leider etwas vorhersehbar und kitschig. Hat mich ständig an was erinnert und dann kam ich drauf: Douglas-Sirk-Filme. 

Siri Hustvedt - Was ich liebte
Ich liebte einst ein Buch von Hustvedt (Der Sommer ohne Männer). Dieses hier leider nicht so. Zu gewollt sophisticated.
 

Ted Kosmatka - Flicker men
Sci-Fi-B-Movie zum Lesen, unterhaltsam aber kein großer Wurf. Immerhin lernt man ein bißchen was über Physik. 

Jón Kalman Stefánsson - Sommerlicht, und dann kommt die Nacht
Angenehme Lektüre zur Einstimmung auf den Island-Urlaub. Sehr nett. 

Donald Ray Pollock - The heavenly table
Das Buch würde ich gerne von den Coen Brüdern als Serie umgesetzt sehen. Rau, manchmal eklig, menschlich, manchmal hoffnungsvoll. Gut. 

Halldór Laxness - The atom station
Eigenwillige, gewöhnungsbedürftige, aber liebenswürdige Schreibe. Nicht zu vergessen: eine Übersetzung. Die Geschichte und die beeindruckende Hauptfigur Ugla nehmen einen für sich ein. Mir hat's gefallen. Nicht nur wegen Island, aber auch.

Sarah Bakewell - At the Existentialist Café
Sachbuch, nein ein Doku-Roman, nein ein Existentialismus-Nachschlagewerk. Spannend, anspruchsvoll, witzig, lehrreich.

Franz Kafka - Amerika
"Sehr schräg" zu sagen ist wohl überflüssig, es ist Kafka! Man wird so nah ran geholt, als würde man in einen fremden Traum eintreten. Es zieht einen in seinen Bann, blöderweise blieb es unvollendet.  

Albert Camus - Der Fremde
Erneut gelesen, konnte mich nicht mehr erinnern, war lang her. Die Geschichte hinterläßt ein Gefühl von Kälte und Hitze gleichzeitig. Interessant was die Emotionslosigkeit des Protagonisten für Emotionen beim Leser auszulösen vermag. 

Ali Smith - Autumn
Schwierig für Nicht-Briten, weil ein hohes Maß an landesspezifischem Kulturgeschichtswissen vorausgesetzt wird. Aber es sind gute Gedanken und gute Sätze darin. Zwar kein Favorit, aber bewegend. 

Helen DeWitt - The last samurai
Der Favorit kommt hier. Großartig! Intelligent, gehaltvoll, witzig und gezielt mäandernd. Hochbegabte, komplizierte Mutter erzieht allein ein liebenswürdiges, anstrengendes (weil chronisch unterfordertes) Wunderkind, das herausfinden will, wer sein Vater ist und deshalb ein paar durchprobiert. Vorher "Seven Samurai" von Kurosawa ansehen. Für Film wie Buch braucht man jedoch einen langen Atem. Vor allem für Sprachinteressierte klar empfehlenswert.
 
John Green - Turtles all the way down
Nettes Jugendbuch, geht auch für Erwachsene noch. Ein Buch über Freundschaft und Akzeptanz. Coming of Age. OK. 

Sharon Creech - Walk two moons
Noch ein Jugendbuch und ein Roadmovie. Für die Adoleszenz angemessen anspruchsvoll. Charmant. 

Carson McCullers - The heart is a lonely hunter
Wollte ich schon lange lesen und jetzt, da ich es gelesen habe, es auch nicht bereut. Hatte manchmal ein paar Längen, aber ein tolles, reifes Buch. Wenn man das erstaunlich junge Alter der Autorin bedenkt ist nahezu unfassbar, mit welcher Empathie die sehr unterschiedlichen Charaktere und deren Lebensschmerz vermittelt werden.

Khaled Hosseini - The kite runner
Hat viel gutes, aber leider auch viel, was einem das Gute verdirbt. Mir war die Vater-Sohn- sowie die Freundschafts-Story zu unüberzeugend, Schwarz-Weiß-Malerei in Manier einer Seifenoper, was dem Hintergrund der Story (politische Umbrüche in Afghanistan, Not und Elend unter der Taliban) nicht angemessen ist. Mußte öfter mit den Augen rollen und war erstaunt, dass es allgemein so hochgelobt ist. 

Christopher Isherwood - Good-bye to Berlin
Wollte ich ebenfalls schon ganz lange lesen. Bevor ich mich nun anschickte, Cabaret im Theater zu sehen, endlich auch gemacht. Das Berlin der 30er Jahre wird in diesen autobiografischen Geschichten brilliant heraufbeschworen. Schön geschrieben obendrein. Anfangs irgendwie entschleunigt, aber dann erstarkt der Nationalsozialimus und alles erhält eine andere, bedrohliche Färbung. Ein zeitgeschichtliches Dokument nach meinem Archivarinnengeschmack. 

Ian McEwan - The Children Act
Ich sage es erneut: Ein McEwan pro Jahr sollte drin sein. Dieser hier war nicht so vereinnahmend wie manch anderer, aber immer noch gut. Allein die Szenen einer Ehe, die subtile oder direkte Art der Kommunikation, sind schmerzhaft wahrhaftig. 

Jeff VanderMeer - Borne
Zu Beginn hätte ich nicht erwartet, dass ich das Buch mögen würde. Zwar muss ich nicht unbedingt mehr davon haben, aber auch wenn literarisch nicht wirklich vergleichbar, hinterläßt die hier beschriebene Dystopie ähnlichen Eindruck wie die Graysche (Lanark). Schräg und brutal (flugfähiger, haushoher Monsterbär, amorphe Biotech-Wesen, Alkoholgenuss in Form von Fischsnacks), aber auch philosophisch (Was macht eine Person zu einer Person?) Zudem gut geschrieben. 

Julian Barnes - The sense of an ending
Habe ich nachgeholt, weil letztes Jahr im Book Club verpaßt. Hat sich gelohnt. Auch wenn einige Fragen offen geblieben sind und Ereignisse interpretationsfähig bleiben. Auch wenn es mich - mehr als ohnehin bereits - an der Wahrheit der eigenen Erinnerungen zweifeln ließ. Vielleicht ist nicht beendet, was man abgeschlossen glaubt. Sehr gut.

Tom Hillenbrand - Drohnenland 
Das Buch bietet prophezeiende Zukunftsszenarien und die Antizipation von technischen Möglichkeiten in plausiblem Sci-Fi-Kolorit. Dennoch: Fast hätte ich es abgebrochen. Zu häufig mußte ich mit den Augen rollen (was das Lesen erschwert), wenn der coole Kommissar in Action zu cool war und die natürlich rattenscharfen Analystinnen zu dauerhaft rattenscharf waren. Aber es steigerte sich doch noch und wurde ganz unterhaltsam. Habe durchgehalten, muss ich aber nicht wiederholen (den Autor). 

Tayeb Salih - Season of migration to the north
Spannende Schreibweise. Hätte den Erzähler manchmal gern geschüttelt, damit er endlich mit der Sprache rausrückt. Am Ende gibt es jedoch zu vielen der sukzessive gegeben Hinweise gar keine Auflösung, was letztendlich irgendwie unbefriedigend ist und etwas ungelenk wirkt. Wären die Fäden mehr zusammengelaufen, hätte es mir besser gefallen. Dennoch lesenswert, allein wegen des Zeitgeists.

 
Ich wiederhole mich, denn es ist wie immer: Das Ranking ist nicht einfach.
Kann mich zwischen Platz 2 und 3 schon kaum in der Reihenfolge entscheiden und verstehe irgendwie selbst nicht, wo McCullers und Burgess abgeblieben sind... Ich habe danach entschieden, welche Bücher ich am anregendsten fand:
 
1. Helen DeWitt - The last samurai

2. Julian Barnes - Sense of an ending
3. Christopher Isherwood - Good-bye to Berlin 


Und weiter geht's. Frohes neues Lesejahr!

Montag, 31. Dezember 2018

Fünftes FOFL

Es hat geklappt: Es gab ein Extra-FOFL zum Jahresabschluss. Für ein Weihnachtsspecial waren wir etwas spät dran, aber trotzdem tauchten Glocken auf, ging es um Wünsche von Kindern und wurde der Bedürftigen gedacht.

No reptiles - Everything Everything (2015)
Ein  geheimnisvolles Lied. Gut, wenn man den Text vorliegen hat, denn in der ersten Minute wird dieser derart unverständlich hastig heruntergebetet, dass der Eindruck entsteht, hier solle schnell etwas hinter sich gebracht werden. Geht es um Krieg? Das Bild wird mehrfach angeführt. Das dann eher entschleunigte restliche Lied soll jedoch vielmehr die Lethargie der Gesellschaft anprangern, die vornehmlich aus Weicheiern, denn aus Reptilien besteht. So die Interpretation. Wenn am Ende noch eine einzige Nacht erfleht wird, bleibt offen, wofür. Es klingt wie ein stilles Gebet, laut heraus gesungen. Es bewahrt sich seine Stille, da es der Allgemeinheit dennoch nichts sagt. Die Beweggründe des Bittstellers bleiben im Verständnis schwammig wie die besungene Gesellschaft.
And no reptiles, just soft boiled eggs in shirts and ties

Waiting for the flashing green man
Quivering and wobbling just like all the eggs you know
I'm going to kill a stranger So don't you be a stranger
O baby, it's alright to feel like a fat child in a pushchair
Old enough to run
Old enough to fire a gun

London - Benjamin Clementine (2015)
London ruft nach dem Helden dieses Lieds, er trägt London in sich. Er befindet sich jedoch in Paris und führt eine Auseinandersetzung darüber, ob es gut für ihn ist, was er tut, ob es sich lohnt, weiter zu hoffen. Es klingt, als solle er sich nicht mehr vergeblich bemühen oder, auch so eine Hypothese, die Finger von Drogen lassen. Der Vorwurf, er würde etwas vorspiegeln, was ihm niemand abkauft, wird gekontert mit der Antwort, dass nur, weil es nicht läuft wie er sich das wünscht, er sich nicht selbst unterschätzen wird. Was hier beschrieben wird, und für den ein oder anderen nach alkoholisierten Jugendlichen nachts downtown klingt,  ist eine Situation in der sich der Sänger tatsächlich befand. Aufgrund privater Probleme ging er mit 19 Jahren von London nach Paris, lebte einige Jahre obdachlos und hielt sich mit kleinen Engagements und als Straßenmusiker über Wasser, bis er entdeckt und produziert wurde. Verdient. Ein poetischer Sänger und Pianist, nicht zu unterschätzen.

Although my preferred ways are not happening
I won't underestimate who I am capable of becoming
History will be made today is written boldly on his face
so clear you could hardly miss it, you could hardly miss it
For transcending the barriers of yesterday was and is the dream
 
The troubles - The Roches (1979)
Der Ohrwurm des Abends. Hebt die Stimmung trotz des Titels. Hebt die Stimmung, weil die sehr klar klingenden Gitarren eine unschuldige Melodie liefern und die spielerischen Stimmen der Schwestern von The Roches eine hübsche Sorglosigkeit transportieren, die in einem entzückenden Kanon kulminiert. Das Ganze birgt ein satirisches Moment: Während die Schwestern einen bevorstehenden Trip nach Irland besingen, wo die "Troubles" wüten, bleibt ihre Hauptsorge, dass die Gitarre heil ankommt und ob es gesundes Essen und Kuchen in Dublin gibt. Falls nicht, müßten sie sterben (während sie sich aus der Schußlinie halten). Das sehr nette Liedchen ist nicht sehr bekannt. Zumindest nicht mehr, der Bekanntheitsgrad war nicht langlebig. Damals in New York, in der Greenwich Village Clubszene, waren die Mädels durchaus populär und haben u.a. mit Paul Simon und Robert Fripp (King Crimson) zusammengearbeitet. Whistle along.

We're going away to Ireland soon
We'll try not to get in the way of the guns
as we always do
We're flying across the ocean soon
I dreamed I saw my guitar topple off onto the runway
please be careful with my guitar whoever you are

Bells of New York City - Josh Groban (2010)
Für die einen vermittelt das Lied eine Weihnachtsstimmung (Kling Glöckchen kling), für andere Winterblues, für wieder andere gleich Selbstmordgedanken. Steht da jemand schon auf der Brüstung eines Wolkenkratzers hoch über der Stadt, die niemals schläft und hat Todessehnsucht, während der Central Park wie ein (Toten)bett ausgebreitet vor ihm liegt? For whom the bell tolls? Nein, falsches Lied. Die Stadt ist erleuchtet und die Lichter vertreiben das Grau, die Glocken mahnen, nicht zu gehen und leise rieselt der Schnee. Nochmal falsches Lied, sorry.
Neben Selbstmordgedanken zogen wir auch eine thematisierte Trennung in Betracht. Oder naht die Abreise und es ist schlicht Abschiedsschmerz von der geliebten Metropole? Josh Groban ist ausgebildeter Bariton und Schwiegersohntyp. Ich höre an diesem Abend das erste Mal von ihm (wie im Übrigen auch von The Roches und dem Tom Tom Club).

It's always this time of year that my thoughts undo me
with the ghosts of many lifetimes all abound
But from these mad heights I can always hear the sound
Of the bells of New York City singing all around
Stay with me, stay with me

Elevator Operator - Courtney Barnett (2015)
Eine Künstlerin von Downunder, die in ihren Songs kleine Geschichten erzählt, Einblicke in unterschiedliche Leben gibt, fein gezeichnet. Hier rebelliert ein junger Mann in Melbourne gegen den Alltagstrott. Ferris, nein, Oliver Paul macht blau. Er hat immer davon geträumt ein einfacher Elevator Operator zu sein, also ab ins Nicholas Building und auf zum Aufzug. Dort trifft er auf eine alte Dame, in wenigen Worten wunderbar umrissen erscheint sie vorm inneren Auge des Zuhörers. Sie haben das gleiche Ziel: Rooftop. Was die Dame selbst dort oben will, wird nicht klar, aber sie meint zu wissen, was ihn bewegt. Allein, sie irrt. Sie mögen unterschiedlichen Dinge wollen und doch auch beide dasselbe: Ihre Ruhe.

The elevator dings and they awkwardly step in
Their fingers touch on the rooftop button
Don't jump little boy, don't jump off that roof
You've got you're whole life ahead of you, You're still in your youth
I'd give anything to have skin like you
He said "I think you're projecting the way that You're feeling
I'm not suicidal, just idling insignificantly

Johnny Ryall - Beastie boys (1989)
Das zweite Lied zum Thema Obdachlosigkeit. Wir sind wieder in NYC, dieses Mal unten, ganz unten. Johnny Ryall trägt Toastbrottüten-Schuhe, schläft in einem Pappkarton, wäscht Autoscheiben, bettelt und trinkt. Eher nüchtern als bemitleidend erläutern die Beastie Boys das Schicksal eines Mannes, der auf der Straße lebt. Er behauptet, mal eine große Nummer im Musikbusiness gewesen zu sein, Blue Suede Shoes geschrieben und goldene Schallplatten verliehen bekommen zu haben. Hier folgt der Absturz am Ende der Karriere, erhebt sich nicht der Phoenix aus der Asche wie bei Benjamin Clementine. Ein Rockabilly-Star der für sich selbst immer noch genau das ist und nicht der Penner, den alle anderen in ihm sehen.  Musikalisch nicht das beste Lied der Beastie Boys aber in ihren Anliegen sowie textlich sind sie häufig unterschätzt.

Donald Trump and Donald Tramp living in the men's shelter
Wonder Bread Bag Shoes and singing Helter Skelter
He asks for a dollar you know what it's for
Man, bottle after bottle he'll always need more
He's no less important than you working class stiffs
He drinks a lot of liquor but he don't drink piss

Wordy Rappinghood - The Tom Tom Club (1981)
Noch ein Lied das seinerzeit wohl recht beachtet war, aber auf lange Sicht in Vergessenheit geriet. Dabei macht auch dieses Lied Spaß. Gut, man mag über den 80s-Synthies-Sound eher schmunzeln, aber das Ganze hat etwas. Was sind Worte wert und worüber reden wir hier eigentlich? Wir fühlen uns an Dadaismus erinnert und weil's so schön ist, hören wir uns deshalb im Anschluss passenderweise "Tuffn" von Rainald Grebe an.
Aber zurück zum Tom Tom Club. Was da nach Dada klingt ist eine Entlehnung aus einem marokkanischen Kinderreim, eingebettet in ungeschliffenen Rap, an dem sich, wie so oft seiner Zeit, mehr schlecht als recht versucht wurde. Alles recht simpel aber dennoch irgendwie charmant.

Ram sam sam, a ram sam sam
Guli guli guli guli guli ram sam sam
Haykayay yipi yaykayé
Ahou ahou a nikichi
What are words worth?
Words of nuance, words of skill
And words of romance are a thrill
Words are stupid, words are fun
Words can put you on the run 

When I grow up - Readymade (1998)
Zweites Lied zum Thema "Was willst Du werden, wenn Du mal groß bist?" bzw. "Was wolltest Du werden, als Du klein warst?" Viele kleine Jungs träumen davon, einen Mülltransporter (oder wahlweise einen Bagger) zu führen, wenn sie erwachsen sind. Das Bedienen großer Maschinen scheint auf das kindlich-männliche Wesen eine große Faszination auszuüben (Aber Achtung, es könnte die Loneliness of a Tower Crane Driver draus werden, aber gut, schon wieder falsches Lied.) Werden die kleinen Jungs dann zu Teenagern ändert sich der Berufswunsch häufig: Rockstar soll es sein. Den Jungs dieser Band aus Wiesbaden ist das zumindest ein paar Jährchen lang gelungen, aber der richtig große Durchbruch kam nicht. Was aus ihnen geworden ist, ob Arzt, Anwalt oder doch Müllmann - nichts Genaues weiß man nicht.

Ok, it's not the most glamorous job in the world
You drive around from street to street
And pick up people's dirt
But one time when he came to our house
He looked at me and smiled
Oh man, garbage-truck driver won't you take me for a ride
When I grow up, when I grow up
I'm gonna drive a garbage-truck 


Für dieses Jahr hat es sich damit ausgefoflt. Schön war's.
Ich wünsche Euch allen einen guten Start ins neue Jahr!
Bis 2019, Eure Penjelly 

Sonntag, 16. Dezember 2018

Hauptsache was mit Trompete

Dickbackige Engelchen, die in Hörner pusten, Turmbläser, die von Kirchtürmen blasen. Die Trompete wird häufig mit Weihnachten in Verbindung gebracht. Insofern kommt mein "Mixtape" zur rechten Zeit - zufällig.
So werden nun aber sämtliche Freunde mit diesem Mixtape (das eigentlich eine CD ist) zum Feste beglückt. Ob sie wollen oder nicht. Erste Marktforschungen ergaben Schweppes-Gesichter bei Erwähnung der Trompete, aber ich bin zuversichtlich, Überzeugungsarbeit leisten zu können.

Es gibt wirklich viele schöne Lieder, die von einer Trompeteneinlagen gekennzeichnet sind.
Und wenn man mal drauf achtet... Ihr wißt schon: Trompete everywhere.
Nicht wundern, wenn ich bei Gesprächen plötzlich innehalte und mein Gegenüber vergesse. Wahrscheinlich nehme ich in der Hintergrundmusik ein Stück mit Trompete wahr. Ich bin derzeit etwas überfokussiert. Auch in meinem Kopf klingen die Trompeten, aber während Ohrwürmer sich üblicherweise ihren Weg über eine reflexartige Gesangseinlage bahnen, bleiben die "Ohtrompeten" irgendwie zwischen Hirn und Stimmband hängen und lassen sich schlecht wiedergeben. Pfeifen wäre vielleicht eine Möglichkeit, aber das sollte man niemandem antun, vor allem nicht zum Fest der Liebe.

Nun ja, um das hier mal abzukürzen: Inzwischen habe ich rund 40 (gute) Lieder zusammen, mit allen möglichen Einflüssen: Jazz, Ska, Country, Mariachi... Zu viele Lieder für eine Compilation. Die Auswahl fiel nicht leicht. Geachtet der Vielzahl der Stücke, wird es also eventuell einen Teil 2 geben. Wenn nicht gar eine Reihe - Fortsetzung jedes Jahr zu Weihnachten. Freundschaften wollen gepflegt werden...
Für all jene, die leider keine CD erhalten oder nicht mehr wissen, was eine CD ist (geschweige denn ein Mixtape), habe ich alle Lieder auf Spotify gesammelt. Während bei der CD allerdings auf Stimmigkeit der Auswahl geachtet wurde, sind auf der Spotify-Playlist einfach alle Lieder aneinandergeklatscht worden. Deswegen heißt das Ganze auch:

"Hauptsache was mit Trompeten (something with trumpets)"

Enjoy!